Exposé zu “Lieutenant Gustl”
7 Sep
Da geht ein junger Mann in ein Konzert und kommt anschließend als Mensch mit Selbstmordgedanken wieder heraus. Da muss man sich doch fragen, was dort geschehen ist. War es etwa das aufgeführte Stück, das diesen Menschen so sehr betrübt hat? Und tatsächlich ist es eine Messe am Mittwoch in der Karwoche, die ja schließlich auf den Karfreitag mit dem Gedächtnis an Jesu Leiden und Sterben zuläuft. Doch gerade dieser Stoff ist es eben nicht, der diesen Menschen derartig verstört. Vom Stück selbst hat er nämlich nicht viel mitbekommen, musste selbst sogar mehrmals nachsehen, wo er sich da befand: „Was ist es denn eigentlich? Ich muss das Programm anschauen… Ja, richtig: Oratorium!“1. Statt auf das Geschehen auf der Bühne zu achten, interessiert er sich mehr für die weiblichen Personen um ihn herum. „Das Mädel drüben in der Loge ist sehr hübsch. Sieht sie mich an oder den Herrn dort mit dem blonden Vollbart?“2. Was macht so ein offensichtlicher Kunstbanause also hier? Er hatte die Karte von einem Herrn Kopetzky geschenkt bekommen, den er sehr schätzt3. Nun ist er in dieser Situation ‚gefangen‘, die ihm sowohl Lust als auch Unlust beschert: „Bravo, bravo! Jetzt wird‘s doch bald aus sein?“4; und wir sind gleichsam mit ihm in seinem Bewusstseinsstrom gefangen. ‚Gefangen‘ mag man wohl sagen, denn uns mag dieser Mensch nicht wirklich sympathisch vorkommen. Schließlich stellt er sich immer mehr als Sexist heraus, der selbst eine ‚heilige Institution‘ wie die Ehe nur als zweckmäßig für gesicherten Sex sieht: „Ob ich nicht doch einmal ernstlich an’s Heiraten denken soll? Der Willy war nicht älter als ich, wie er hineingesprungen ist. Hat schon was für sich, so immer gleich ein hübsches Weiberl zu Haus vorrätig zu haben“5. Zudem zeigt sich, dass er äußerst rassistisch eingestellt ist: „O, die Nase! – Jüdin … Noch eine […] da sind ja auch die Hälfte Juden … nicht einmal ein Oratorium kann man mehr in Ruhe genießen.“6 Schon bald kristallisiert sich allerdings heraus, worin sich dieser Hass und seine offensichtliche Überheblichkeit gründen. So erfahren wir beispielsweise, dass er aus dem Gymnasium geflogen7 ist. Stattdessen wurde er in die Kadettenschule versetzt, mit der er sich eindeutig identifiziert, wie auch wir oft die Schulen, die wir besucht haben, gerne besser reden als andere. Weiterhin ist es das neu eingeführte Freiwilligenjahr des Militärs, das nach Beendigung die gleiche Stellung als Reserveoffizier mit den damit einhergehenden Privilegien bot, wie einstmals den Berufsoffizieren. Je mehr Juden es dadurch zu einem Offizierspatent schafften, desto mehr wurde das „Einjährige“8 zum auslösenden Moment des Antisemitismus. In diesem Zusammenhang ist es sicherlich interessant zu sehen, dass Arthur Schnitzler selbst auch das Freiwilligenjahr durchgemacht hat. Vielleicht hat er an dieser Stelle den Spott und die Demütigung, die er aus den genannten Gründen miterlebt hat, so im Stück verarbeitet. Es seien manchmal „ganz nette Burschen, die Einjährigen… aber sie sollten alle nur Stellvertreter werden – denn was hat das für einen Sinn?“9 Jedenfalls sind es diese Gründe, die uns verstehen lassen, wieso dieser arrogante Schnösel Gustl so ist, wie er ist – nämlich eine unsichere, instabile Persönlichkeit.
Diese Unsicherheit gipfelt in der Begegnung mit dem Bäckermeister, der sich das Drängeln und die unflätige Art des Gustl nicht gefallen lässt. Er nimmt ihm den Säbel weg und droht diesen zu zerbrechen und die Stücke an das Regimentskommando zu schicken. Die Folgen wären für Gustl katastrophal, sollte jemand davon erfahren. Aber wieso eigentlich? Worin liegt der Schlüssel dieser Szene? Wo später der Riesenaufschrei nach Satisfaktion ausbricht, steht jetzt erst einmal die Verblüffung und die Machtlosigkeit im Vordergrund. Sieht man nämlich den Säbel nicht nur als Zubehör der Uniform, sondern als Phallus – man möge mir den Vergleich verzeihen – so kann man sagen, dass Gustl in dieser Szene symbolhaft entmannt wird. Ohne seinen Säbel ist er absolut kampf- und handlungsunfähig. Das Zerbrechen des Säbels ist gleichzeitig die Zerstörung seiner Existenz: „hätt er ja meinen Säbel herausgezogen und zerbrochen, und aus wär’s gewesen – Alles wär aus gewesen!“10 – Schließlich hat er ja keinen Schulabschluss vom Gymnasium, sondern nur seine Militärausbildung. An dieser Stelle wird uns seine volle Schwäche offenbart.
Wenn man das Stück vom Standpunkt der Erzählperspektive liest, so merkt man, dass Schnitzler an zwei Stellen den Bewusstseinsstrom ‚bricht‘ bzw. erweitert: Einmal beim so eben erwähnten Streit zwischen Gustl und dem Bäckermeister11, sowie beim Gespräch mit dem Kellner12 am Ende der Erzählung. Ich möchte hier kurz auf den ersten ‚Bruch‘ eingehen. Wo wir sonst nur sehen durften, dürfen wir beim hektischen Treiben an der Garderobe nun auch hören. Im Getümmel staut sich die Wut in Gustl an, die ihn sogar „Sie, halten Sie das Maul!“13 sagen lässt. Und spätestens mit dem Griff des Bäckers zu Gustls Säbel pocht auch unser Herz schnell mit, wenn wir uns fragen, was denn nun Schreckliches passieren mag. Genau wie in der Gefahr alle unsere Sinne Alarm schlagen und sie scharf werden lässt, verlassen wir nun das reine Sehen Gustls und fangen an mit einem weiteren geschärften Sinn zu hören. So sehe ich das plötzliche Hören, das vorher nicht da war und in den bisherigen Bewusstseinsstrom eingreift, als völlig plausible Folge der Reaktion auf Gefahr an. Die aufkommende Wut, seine Verzweiflung und Verwirrung vernebeln dann aber anschließend wieder unsere Sinne und wir werden wieder taub. Und eine Angst bleibt.
Bleibt die Frage, was Gustls Angst nach diesem Ereignis nun genau ist und wie sie sich äußert.
Gustl spricht immer wieder von Ehre und dem Verlust der Ehre. Für ihn ist sie wohl das Wichtigste: „Ehre verloren, alles verloren!“14 Schließlich weiß er genau, wie er jemandem begegnet, der keine Ehre mehr besitzt: „Dem Ringeimer hat ein Fleischselcher, wie er ihn mit seiner Frau erwischt hat, eine Ohrfeige gegeben, und er hat quittiert und sitzt irgendwo auf’m Land und hat geheiratet… Dass es Weiber giebt, die so einen Menschen heiraten! … – Meiner Seel‘, ich gäb‘ ihm nicht die Hand“15. Dann kommt diese zweite Stimme, aus der wir erst später schlau werden, und die ihm sagt, er soll sich am besten umbringen. Eine Art multiple Persönlichkeit scheint sich auszubilden „Na, geh’n wir nur weiter“16, die wir ganz leicht in Gustl und diese ominöse Stimme auftrennen können, die ihn zum Selbstmord treiben will: „nein, zu überlegen ist da gar nichts – gescheh’n ist gescheh’n – auch das mit der Mama und mit der Klara ist Unsinn – die werden’s schon verschmerzen – man verschmerzt alles“17. Jetzt beginnt auch ein Kampf zwischen der Stimme und dem Leser, der sich verpflichtet fühlt, den Gustl doch wieder zur Raison zu bringen und den Selbstmord aufzuhalten. In der Tat wirft uns Schnitzler immer wieder Krümel vor die Füße – Sätze, die wir Gustl gerne sagen wollen, um die Tat zu verhindern – wie die übertriebene Reaktion in Bezug auf das Geschehene, wenn Gustl sagt: „Unglaublich, weswegen sich die Leut‘ totschießen!“18. Auch glauben wir als Leser, es gäbe noch Hoffnung, als Gustl über seinen nächsten Geburtstag nachdenkt: „Was werd‘ ich im nächsten Jahr?“19 Letztendlich müssen wir uns aber doch der Stimme geschlagen geben, die mit harschen Worten seinen militärischen Gehorsam anspricht: „Fehlt nur noch, dass Du zum Weinen anfangst … pfui Teufel! – Ordentlichen Schritt … so!“20 Und jetzt wissen wir auch, warum wir keine Chance haben, denn hier spricht der Soldat aus Gustl, alles was er kennt, gelernt und gelebt hat.
Nachdem wir die Auslöser der Angst und seine Form nun kennen, können wir uns auch fragen, ob diese ganzen Gedankengänge, die darauf folgen, auch etwas Positives bewirken, wenn wir den anfänglichen Gustl mit dem Schluss-Gustl vergleichen. Hier ein paar Gedanken dazu.
Im Angesicht des Todes zeigt sich, dass sich Gustl doch noch an anderen (Ge)lüsten freuen kann, als nur Sex. Er lernt die Natur und die Stadt schätzen, die ihm nachts Schutz gewährt und versteht Orte nun auch als Zufluchtsmöglichkeit. So ist Amerika21 beispielsweise auch ein Ort, an dem sich keiner um irgendetwas kümmert und an dem man auch sein Glück finden kann22. Und auch der Prater lässt ihn in seinem Schutz einschlafen. Er lernt seine Familie zu loben, besonders seine Schwester23. Auch wenn er es nicht zugeben möchte24, so werden wir gewahr, dass er Steffi von ganzem Herzen liebt, so wie er die ganze Zeit an sie denkt; ein verlässlicher Erzähler ist er schließlich nicht, behauptet er doch, er könne sich keine Namen merken25, was er aber doch sehr gut kann. Und zu guter Letzt, lernt er sich auch selbst besser kennen: „Dass mich manchmal selber vor mir graust, das hab‘ ich ihnen ja doch nicht geschrieben – na, mir scheint, ich hab’s auch selber gar nicht recht gewusst.“26
Also macht Gustl einen komplexen Prozess durch, der sich auch schon an seiner Wegwahl erkennen lässt. So rennt er fluchtartig durch ein Prostituiertenviertel und über die Aspernbrücke27, der Ort an dem Napoleon nicht gewann, genau wie er gegen den Bäckermeister nicht gewinnen konnte28 und landet schließlich am/im Prater. Hier wendet sich sein Weg vom Verderben in eine mögliche Siegesrichtung, als er nach dem Aufwachen an der Siegersäule von Tegetthoff29 vorbei geht. Sein Schicksal ist also doch noch nicht besiegelt.
Natürlich mag man bezweifeln, dass die von mir genannten Veränderungen lange Bestand haben, wenn man sich Gustls Betragen im Café ansieht, wo er sich einreden will, dass sich für ihn alles zum Guten gewendet hat, nur weil er in der Kirche war30. Er scheint auch nichts aus seinem Betragen gelernt zu haben, wenn man liest, dass er immer noch zum Duell mit dem Doktor gehen will, das ja auch nur aufgrund der falschen Wortwahl stattfindet. Nichtsdestotrotz bleibt für mich unbestritten, dass Schnitzler ein Meister des Bewusstseinsstromes ist – was er für mich auch schon mit meiner Lektüre von „Fräulein Else“31 bewiesen hat – da er es schafft, ein Erlebnis so unglaublich intensiv darzustellen, dass wir einfach nicht aus (s)einer Haut können.
- Diese und alle folgenden Angaben aus: Schnitzler, Arthur: Lieutenant Gustl. Reclam 2009. Hier: S.7, Z.7f [↩]
- S.7, Z.29f [↩]
- S.7, Z.20f: „Ein braver Kerl, der Kopetzky! Der einzige, auf den man sich verlassen kann“. [↩]
- S.9, Z.24 [↩]
- S.13, Z.20f [↩]
- S.14, Z.5f [↩]
- S.12, Z.26f [↩]
- Vgl. S.22, Z.21 [↩]
- S.22, Z.21f [↩]
- S.17, Z.9f [↩]
- Vgl. S.14, Z.31 – S.16, Z.12 [↩]
- Vgl. S.42, Z.24 – S.45, Z.15 [↩]
- S.15, Z.12 [↩]
- S.22, Z.29f [↩]
- S.21, Z.23f [↩]
- S.25, Z.9 [↩]
- S.31, Z.7f [↩]
- S.24, Z.19f [↩]
- S.24, Z.29 [↩]
- S.34, Z.16f [↩]
- S.29, Z.6f [↩]
- S.29, Z.10f: Graf Runge hat in Amerika ein Hotel eröffnet und „pfeift“ auf die Vergangenheit. [↩]
- S.28, Z.16f: „Die Klara ist so ein gescheites Mädel“. [↩]
- Vgl. S.41, Z.14f [↩]
- Vgl. S.10, Z.15 [↩]
- S.34, Z.12f [↩]
- S.22, Z.11 [↩]
- Vgl. auch S.20, Z.21: „[G]anz wehrlos sind wir gegen die Zivilisten“. [↩]
- S.34, Z.27: „Die Tegetthoffsäule … so lang hat sie noch nie ausg’schaut“. [↩]
- S.44, Z.15f: „O, herrlich, herrlich! – Am End‘ ist das Alles, weil ich in der Kirchen g’wesen bin“. [↩]
- Schnitzler, Arthur: Fräulein Else. Reclam 2006. [↩]




Band 1: My Father Bleeds History (deutsche Ausgabe: Mein Vater kotzt Geschichte. Dies ist meiner Meinung nach schlecht übersetzt, da das englische bleed eine Vielzahl von Bedeutungen und Nuancen hat, die damit wegfallen und somit die Bedeutungsinhalte auf einen recht vulgären Sachverhalt reduzieren, der diesem Buch in keinster Weise gerecht wird).

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